Empfehlung (II) Weissbräu in Deggendorf


Was gibt es schöneres, als an einem Vormittag zwischen verschiedenen Geschäftsgängen eine Pause einzulegen. Nein. Keine einfache, primitive Pause. Was Besonderes. Einkehren zu einer Weisswurst beim Weissbräu in Deggendorf, in der Bräugasse 8. Schon wenn man das hölzerne Tor des Wirtshauses betritt, umgibt einem die Aura vom vergangenen Wirtshausleben. Kurz stehenbleiben und tief einschnaufen. Aaaahhhh. Wie in alten Zeiten. Öffnet man die Tür zur Gaststube, zuckt man kurz. Gleich links neben der Tür sitzt die Frau Bayer. Als Gedenken in Bronze und lebensgross. Die Gaststube vermittelt sofort heimeliges Flair. Die Bedienung begrüsst einem freundlich und man sucht sich einen Platz. Falls denn noch freie Auswahl ist. Beim Weissbräu gehts oft zu wie im ewigen Leben. Ja, hat denn keiner eine Arbeit, dass sich Alles Beim Bräu trifft? Man möchte es fast meinen. Hat man dann seinen Platz eingenommen, schaut man zu allererst mal herum. Genau. So muss ein Wirtshaus sein. Griawig, heimelig und wie früher. Man könnte meinen, man ist im Himmel Bayerns. Vielleicht ist es man auch. Und dann gibt man seine Bestellung auf. Natürlich ein Bayer Weizn und Weisswürscht. Es dauert nicht lange und die Bedienung bringt den genialen Edelsaft und ein Körbchen mit Brezn. Augen schliessen und einen grossen Schluck geniessen. Bevor die Weissen fertig sind, isst man schon mal vorne weg eine resche Brezn. Hochgenuss hoch drei, kann man da nur noch sagen. Es dauert ein paar Minuten und es werden die Weissen serviert. Stilgerecht wohlgemerkt. Mit einem Senftöpferl. Nicht irgendein Senfbeutel aus Plastik. Schon der Anblick lässt einem schwärmen. Na ja. Und dann gehts dahin. Weisse mit Senf, Brezn und Weizn. Das Gaumenglück ist vollendet. Eine Hoiwe geht locker noch. Manchmal hab ich den Eindruck, das Weiznglas ist zwar normal gross, aber der Inhalt nur ein Quartl. „Das täuscht,“ sagt meine Rosl. „Du saufst des Weizzn, wia ein Stier sein Wasser sauft.“ Aha. Also hat alles seine Ordnung. Und da ja alles einmal ein Ende hat, dauert auch der Boxnstop beim Weissbräu nicht ewig. Eine Trost hab ich dennoch. Ich freu mich schon auf das nächste Mal.

Nicht zu vergessen wäre noch der Biergarten, wo sich ebenfalls vom Frühjahr bis zum Herbst Gott und die Welt trifft. Beim Weißbräu im Biergarten sitzen hat ebenfalls schon lange Tradition und gehört einfach zum Leben, wie die Luft zum schnaufen.

Geschichte:

Bis um 1900 lassen sich in Deggendorf zwölf Brauereien nachweisen. Noch 1920 arbeiteten neun Brauereien: die Brauerei Schneider „Hofbräuhaus“, Sesselsberger, Aschenbrenner, Bayer, Haller, Mäusl, Kroiss, Oswald, von Kiesling.

Seit 1977 gab es nur mehr eine: die Weizenbierbrauerei Bayer.

„Das Weißbräu“ – wie es liebevoll von den Deggendorfern genannt wurde – bezog sich auf die Brauerei und die Wirtschaft. Beide waren weit über Deggendorf hinaus bekannt, denn sie verkörperten eine Trink- und Wirtshauskultur einer längst vergangenen Zeit. Das Weißbier wurde trotz Maschineneinsatzes noch handwerksmäßig hergestellt. Die Erfahrung und das Können des Brauers zählte und nicht der Einsatz computergesteuerter Technik.

Dazu kam das Wirtshaus mit der spezifischen „Weißbräuatmosphäre“. Zum Mittagstisch saßen friedlich vereint die unterschiedlichsten Gäste: Handwerker, Angestellte, Touristen, Leute vom Land, der Rechtsanwalt mit seinem Klienten, alle fanden hier zueinander. Geredet wurde mit allen am Tisch, dazu trugen schon die langen Tische bei. Geöffnet war und ist das Weißbräu nur bis 19 Uhr, außer am Donnerstag. Da ist „Gesellschaftsabend“, und es geht jedesmal hoch her im Weißbräu. Unvergesslich bleiben auch die ehemaligen Wirte Rosa Bayer und Josef Scheungrab mit seinen täglich selbst gemachten Weißwürsten. Seit 1995 wird die Tradition durch die Wirtin Claudia Denk erfolgreich fortgeführt.

Als im August 1992 die letzten Pächter der Weißbierbrauerei den Braubetrieb einstellten, wurde das von den Deggendorfern als unersetzlicher Verlust empfunden. Ein Jahr später wurde das Brauereigebäude abgerissen.

Damit das traditionelle „BayerWeizen“ den Deggendorfern weiterhin erhalten bleibt, lässt die Deggendorfer Weißbierbrauerei Josef Bayer GmbH das Weißbier im Lohnbrauverfahren herstellen.

Die Faszination Weißbräu mit seinem BayerWeizen lebt im Traditionswirtshaus und seinem schönen Biergarten unter Kastanien weiter.

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von Weisswurst-Blog-Zwiesel Veröffentlicht in Gastronomie

2 Kommentare zu “Empfehlung (II) Weissbräu in Deggendorf

  1. Ich war zwar noch nie dort, aber der Bericht ist so gut geschrieben, dass ich die heimatliche, niederbayerische Tradition spüren kann. Herzliche Grüße vom Tivoli in München, Josef

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