Biergartenphilosophie


Man stellt immer erst im nachhinein fest, ob dieser Biergarten den Ansprüchen gerecht geworden ist. Aber es gibt Grundregeln. Der klassische Biergarten muss tatsächlich Kastanienbäume beinhalten. Eigentlich keine Linden. Fichten schon gar nicht. Koniferen überhaupt nicht. Es braucht die klassische Rosskastanie. Dann muss der Boden kiesbedeckt sein. Er darf nicht gepflastert sein. Das sind wirkliche, essentielle Anforderungen. Dann darf der Biergarten nicht zu voll sein, und er darf nicht zu leer sein. Es müssen Leute dasein, aber es muss ein optimaler Abstand sichergestellt sein. Ein Tisch muss frei sein, und am übernächsten dürfen zwei oder drei Leute sitzen. Ein Tisch darf voll sein, da dürfen sechs Leute sitzen, und dann ein Tisch wieder nur eine Person. Ein Lindengarten ist kein Biergarten. Früher hat man, um den Bierkeller möglichst beschattet zu halten, Kastanien genommen, weil die besonders große Blätter haben. Das ist der Grund für die Rosskastanie.

Es ist doch allein schon das Geräusch. Wenn ich das höre, wie die Bedienung da durch den Kies stapft und mir das Bier bringt, ich brauch’ die gar nicht sehen, ich hör’ das nur, dann weiß ich, jetzt wird mir was gebracht, jetzt kommt dieses frische Bier. Das ist wunderbar. Wenn ich diesen Boden versiegele, mach’ ich schon einen Fehler. Das ist schon falsch. Gewisse Grundkenntnisse werden aber auch nicht in der Schule vermittelt. Nicht einmal in einem Gymnasium wird einem jungen Menschen mehr mitgeteilt, wie ein Biergarten zu sein hat.

Nach wie vor ist einfach obligatorisch, dass man sich gewisse Dinge in den Biergarten mitnehmen kann – und ansonsten eigentlich nur Kleinigkeiten. Irgendein Stück Wurst. Da gibt’s verschiedene Möglichkeiten. Eine Pfälzer oder eine Tiroler. Oder, von mir aus, auch eine Lyoner. Der berühmte Wurstsalat. Essiggurke. Radi. Obatzt’n. Jedenfalls keine Nouvelle cuisine.

Und dann in Ruhe essen. Das ist entscheidend. Eine gewisse Ruhe. Wobei das Wort „Ruhe“ heute ja auch missverstanden wird. Ich sag’ mal: eine Gelassenheit. Das wär’s. Die Souveränität des Im-Biergarten-Befindlichen, der gar nicht auf die Uhr schauen muss. Weil’s wurscht is’, wann er heim kommt. Die innere Uhr ist sozusagen das, was er getrunken hat. Er spürt an Hand des Konsums, ob er noch bleibt oder nicht.

Es gibt dann die Leute, die, ich sag’s mal vorsichtig, vormittags, so zirka um zehn nach zehn, zwanzig nach zehn, in den Biergarten geh’n und dann ungefähr spätestens Viertel nach zwölf, halb eins langsam sich erheben. Meistens, wenn Leute von Büros kommen. Mit denen mag dieser Biergartengänger eigentlich nicht so gern zusammen sein, mit Leuten, die den Biergarten als Mittagspause, als Intervall, nur als Interimslösung seh’n.

Quelle aus: Jürgen Roth im Gespräch mit Gerhard Polt über den Biergarten, das Wetter, die Zeit und andere windige Dinge

Advertisements

2 Kommentare zu “Biergartenphilosophie

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.