Uhrzeit verkehrt herum


Die rückwärts laufende, bairische Uhr. Eine wahre,bairische Geschichte.

Erlebt, aufgezeichnet und niedergeschrieben vom Bertl vo Zwiesl.

IMG_9698Das in Bayern die Uhren anders gehen, ist ja hinlänglich bekannt. Dieser Spruch hat sich wohl aus dem „mia san mia“ Gefühl entwickelt und sagt nichts anderes aus, als der Hinweis, auf die bairische Lebensart. Einfach anders sein als die Anderen. Das aber auch optisch die Uhren in Bayern die Zeit anders anzeigen als im Rest der Republik, dass wissen sicherlich nicht alle. Warum aber gibt es in Bayern Uhren, die anders gehen? Einen Grund muss es ja geben. Und den gibt es tatsächlich. Und einen eigentlich banalen dazu. Dazu aber später mehr.

Rein zufällig haben wir den Herrn Prof. Dr. Kilian Feistl-Lüdenscheid, Dozent an der Uni in Passau, beim spätmorgendlichen Weißwurstessen in seinem Lieblingswirtshaus, dem Gasthaus „S´gscheide Wei“ im verträumten Bayerwalddorf, Stoistol am Bergbach, getroffen. Rein zufällig. Aber wahrscheinlich durch Gottes Fügung. Nehmen wir mal an. Weil, anders kann es gar nicht sein. So ein Zufall muss von oben gesteuert sein. Da wir ebenfalls an diesem etwas späteren Morgen im erwähnten Dorfwirtshaus unser zweites Frühstück einnehmen wollten, gesellten wir uns zum o.a. Fremdling. Anfänglich etwas reserviert, öffnete sich der Herr Professor uns recht schnell. Wir philosophierten über die schöne Natur, das gute Bier, über die excellenten Weißwürste und das gut gekühlte Bier. Der studierte Herr war sehr bewandert in der waiddlerischen Kultur. Das hat uns erstaunt. Er eröffnete uns, nachdem wir ihn, ob seiner guten Kenntnisse der Waiddlamentalität, gar stark gelobt haben, daß schon seit vielen, vielen Jahren sein Interesse dem Waldvolk gilt. Quasi eine Passion von ihm.

Irgendwann, nach dem dritten oder vierten Weizen, sind wir auf die Uhr im Wirtshaus zu sprechen gekommen. Eine Uhr, deren Zifferblatt spiegelverkehrt angebracht war und deren Zeiger entgegen dem Uhrzeigersinn liefen. Geradezu gejucherzt hat er, beim Anblick dieses seltenen Zeitmessers. Für ihn sei das nichts Neues, betonte er in seinem Schullehrerdeutsch. Er habe ja seine Doktoarbeit 1956 über die vom Bergbauern Simmerl Stallwanger, erfundene Uhr geschrieben. 399 Seiten hatte seine Doktorarbeit. Alles selbst recherchiert. Klitzekleine Mosaiksteine habe er gesammelt, bis er dem Entstehen der rückwärtslaufenden Uhr auf die Schliche gekommen ist.

Da hat es uns gerissen, als wir das gehört haben. Endlich einer, der weiß, woher diese Uhr stammt. Saxn di, das haben wir nicht geahnt, dass wir an diesem Tag so ein Schwergewicht der Uhrenforschung beim Weißwurstessen kennenlernen würden. Da mußt du schon ein Massl haben. Unser Spezl, der Wonger Steff, hat gleich losgelegt mit Fragen an den Herrn Professor. Das Hintere vor dem vorderen wollte er wissen. Nur noch durcheinander hat gewuslt. Beinahe hätte er den Herrn Dozenten ein bissl grantig gemacht, mit seiner unqualifizierten Fragerei. Gar nicht mehr bremsen haben wir in können, den Steff. Daheim bringt er sei Goschn nicht auf, aber nach ein paar Weizn redet der um ein Fünferl eine ganze Spitzkirm voll. Mindestens. Unser Spezl, der Glampfe, hat zum Steff gesagt, das seine Alte im Anmarsch ist. Blitzartig war der Steff stumm wie eine Bachforelle. Gott sei Dank. Und dann hat der Steff gebockt und hat nix mehr gesagt, als er mitbekommen hat, dass seine Alte nicht im Anmarsch sei. Das war aber in der Situation nicht mehr relevant, ob er bockt oder nicht. Die Hauptsache war, dass der Herr Professer sich wieder beruhigt hat und sich noch ein Weizn bestellt hat. Puhhh. Das war knapp. Damit wir uns nicht noch mehr blamieren, haben wir den Herrn gebeten, uns doch zu erzählen, woher den nun die verkehrte Uhr überhaupt kommt. Und wir wurden dann eingehend aufgeklärt, was es nun auf sich hat, mit der doikadn Uhr.

Laut Reschersche des Herrn Prof. Feistl-Lüdenscheid wurde die Uhr folgendermassen erfunden:

 

Mia red boarisch...und Du ? ?

Der Grossbauer Simmerl Stallwanger hat sich im Laufe seines Lebens einige Angewohnheiten angewöhnt. Teilweise hatte er, für unser Verständnis, ungewöhnliche Angewohnheiten. Sei es nun, dass der Simmerl jeden Tag ein frisches Schneiztüchl verlangt hat. Sei es, dass er jedes Mal, wenn es ein Schweiners gegeben hat, immer zwei Knödl gegessen hat: Egal wie groß die waren. Und seine Mare hat im Laufe der Zeit immer größere Knödel geformt hat. Egal, der Simmerl hat immer zwei gegessen. Und so hatte der Simmerl eben seine Litz. Auch hat es sich im Hause Stallwanger eingebürgert, dass der Grossbauer jeden Tag um 10 Uhr seine Weißwürscht auf dem Tisch haben wollte. Und auch bekam. Weil man um 10 Uhr Hunger hat, wenn man um 7 Uhr schon frühstückt. Anschaffen macht hungrig. Und ein Grossbauer muss viel anschaffen. Um viertl vor Neun Uhr hat sich der Simmerl jeden Tag rasiert. Jeden Tag zur gleichen Zeit. Und um 10 Uhr ist er am Tisch bei seinen Weissen gesessen. Und wehe, es war nach 10 Uhr gewesen. Da ist er hantig geworden. Ganz hantig. Da hatte seine Angetraute nix mehr zu lachen. Irgendwann kam der Simmerl auf die Idee, die Zeiten zu überwachen. Denn in der grossen Bauernstube war die „Stumuhr“ beim Rasieren in seinem Rücken. Und sich jedesmal umdrehen, wenn er auf die Uhr schauen wollte, dass war dem hausherrn irgendwann zu blöd.

Tagelang hat er spekuliert. Hin und her. Hinum und herum. Im Schlaf hat er sich unruhig gewuzlt. Ein Graus waren die Nächte im Hause Stallwanger. Und dann, eines nachts, es war noch stockfinster, hat es den Simmerl gerissen. Er hatte die Idee. Warum nicht schon eher, wo es doch eh so einfach ist. Aber lieber später als nie.

Die Lösung: ( 14.9.1901 um 3:15 Uhr ) Es musste eine Uhr her, wo die Zeiger rückwärts laufen und das Zifferblatt spiegelverkehrt angebracht sind. Dann braucht er nur in den Spiegel schauen, was er ja beim Rasieren eh tut, und er sieht die Zeit normal. Ha. Da hat sich der Simmerl gleich selbst auf die Schulter geklopft. Da hat er seiner Mare gleich einen gscheiten Renner gegeben und ihr von seiner Erfindung berichtet. Der Mare war´s aber wurscht. Das hat ihr der Simmerl lange vorgehalten, weil sie nicht euphorisch war. Die rückwärts laufende Uhr war geboren. Theoretisch zumindest. Jetzt brauchts nur noch einen Uhrmacher, der das Ding bastelt. Das war das geringste Problem, weil er den Uhrmacher Wastl Irxnthaler gekannt hat. Und der war eh noch etwas schuldig beim Simmerl. Also hat sich der Simmerl auf den Weg gemacht. Mit dem Wastl hat er seine Idee noch verfeinert. In seiner Hochstimmung hat er sich einen Sekundenzeiger in Weisswurstform gewünscht. Das sei das i-Tüpferl hat er gemeint. Der feinsinnige Wastl hat dem grobschlächtigem Simmerl mitgeteilt, dass dies für eine gscheitn Uhrmacher kein Problem sei. In ca. 6 Wochen könne er das gute Stück bei sich zu Hause in der Grossbauernstube aufhängen. Oh je. Da hat der Simmerl einen Anfall gekriegt. 6 Wochen warten? Ja spinnt der Zahnradlmechaniker vollkommen? Da hat der Simmerl eine revolutionäre Idee, und der Wastl braucht dafür 6 Wochen? 6 Wochen, das hätte der Wastl so nicht sagen dürfen. Der Simmerl hat zum Toben angefangen wie ein wilder Bummerl. Mit seinem Hacklstegga hat er in den Tisch neighaut, dass die Uhrradl vom Tisch gesprungen sind. Es hat eine Zeit gedauert, bis dem Simmerl der Schnauferer ausgegangen ist. dann war es wieder ruhig in der Werkstatt.

00Der Wastl hat sinniert und gerechnet und hin und herspekuliert, bis er zu dem Ergebnis kam, wenn er fünf Tage am Stück an der Uhr arbeite, könnte die Uhr in nicht einmal einer Woche an der Wand beim Stallwanger hängen. Da hat der Simmerl nochmal aufgeschnauft und den Wastl geschimpft und gefragt, warum er ihm dann zuerst vo 6 Wochen vorjammert. Ob er das am End absichtlich gesagt hat, nur das er sich aufregen müsse, hat der Simmerl gefragt. Aber mit einer knappen Woche konnte sich der Simmerl anfreunden. Die zwei wurden sich handloans. Der Wastl hat noch nebenbei bemerkt, dass dieses Wunderwerk der Uhrentechnik nicht ganz billig sein werde. Pffffft, hat der Simmerl gemeint. Dann müssen eben zwei Sau verkauft werden. Wenns sonst nix is.

20.9.1901. Nachmittag. Der Wastl hat die Uhr beim Simmerl abgeliefert. Ein Prachtstück. Rundummadum weiss/blaues Rautenmuster, die Zahlen spiegelverkehrt und der Sekundenzeiger in Weisswurstform. Grandios. Der Herr des Hauses hat sich gleich an den Rasierspiegel gestellt, hineingeschaut und hat dem Wastl genau gesagt, wo das schöne Stück häüngen sollte. Da hat der Simmerl mit der Zunge geschnalzt, als das Wunderwerk am Nagel hing. Ab jetzt ist es vorbei mit der Schluderei seiner Alten. Er hat jetzt alles im Blick und konnte gleich agieren, wenn die Weissen nicht pünktlich auf dem Tisch standen. Der Simmerl hat gleich der Mare gepfiffen, dass sie sich das Drumm einmal anschaue. Der Mare hat das Teil nicht so sehr imponiert wie ihrem Gatten. „Und warum hast dir die alte Uhr nicht neben den Spiegel gehängt? Dann hättst nicht immer umschauen müssen.“ Leider endet dem Professer seine Reschersche genau hier und wir wissen leider nicht, wie der Simmerl reagiert hat.

„Oh leck.“ Mehr hat der Steff nimmer sagen können, nach den Ausführungen des Professors. Jetzt sei man den anderen Dorfbewohnern enorm im Vorteil, ob des Wissens. Da hat der Steff einen breiten Brustkorb bekommen.  Um 3 Uhr Nachmittags sind wir dann heimgegangen.Aufgezeichnet und niedergeschrieben vom Bertl, Bertl vo Zwiesl.

Na ja. Und so war die rückwärtslaufende Uhr geboren, die es noch heute in der gleichen Aufmachung und in kleinen Abänderungen zu kaufen gibt.

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von Weisswurst-Blog-Zwiesel Veröffentlicht in Humoriges